Quelle: STUTTGARTER ZEITUNG vom 09.09.2010
Von Klaus Zintz
Dass Alkoholmissbrauch auf die Dauer massiv die Leber schädigt, dürfte hinlänglich bekannt sein. Nicht weniger gefährlich aber ist die nicht alkoholbedingte Fettleber - und die nimmt derzeit in den westlichen Ländern massiv zu. Keine andere Erkrankung der inneren Organe weist derart hohe Zuwachsraten auf wie die sogenannten nichtalkoholbedingten Fettlebererkrankungen (NAFLD). Die wichtigsten Gründe sind Überernährung und Bewegungsmangel. Denn rund 80 Prozent der übergewichtigen Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Fettleber. Das berichtet Guido Adler, Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Ulm, im Vorfeld des Kongresses Viszeralmedizin 2010, der in der kommenden Woche im Messezentrum Stuttgart stattfindet. Adler ist auch Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen.
Mindestens 16 Millionen Menschen in der Bundesrepublik leiden an einer nicht durch übermäßigen Alkoholkonsum verursachten Fettleber. Dabei lagern sich Fette in die Leber ein - was oft lange Zeit ohne merkbare Folgen bleibt. Problematisch wird es, wenn sich aus der Fettleber eine sogenannte Fettleberentzündung (nichtalkoholische Steatohepatitis, NASH) entwickelt, was bei 15 bis 20 Prozent der Patienten der Fall ist. Bei bundesweit etwa drei Millionen NASH-Patienten dreht sich die Krankheitsspirale aber weiter: Sie bekommen Leberzirrhose, wobei eine Reihe von Faktoren eine Rolle spielt, etwa eine genetische Vorbelastung. Bei weiteren rund tausend Patienten entwickelt sich aus der Zirrhose dann auch noch Leberkrebs.
Diese gefährlichen Krankheitsbilder, die sich im Zuge der Fettleber entwickeln, nehmen nach Adlers Worten "dramatisch" zu. Jede Entzündung in der Leber führt dazu, dass Lebergewebe durch Bindegewebe ersetzt wird, was die Funktion dieses lebenswichtigen Organs massiv einschränkt. Besonders bedrückt den Mediziner, dass immer mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig sind. Die Grundlagen für die Fettleber werden mithin immer häufiger schon in jungen Jahren gelegt. Dabei spielt laut Adler vor allem die Fructose eine wichtige Rolle. Weil der Fruchtzucker stärker süßt als Glucose, findet er sich in vielen und vor allem auch beim Nachwuchs beliebten Nahrungsmitteln - vom Ketchup bis zu Softdrinks. Nach wie vor sind die Fettlebererkrankungen aber bei den 50- bis 60-Jährigen am stärksten ausgeprägt.
Die Behandlung dieser Erkrankung ist schwierig: "Es gibt keine wirklich guten Medikamente, die dagegen helfen", räumt Guido Adler ein. Die gute Botschaft ist, dass bei einer rechtzeitig erkannten Fettleber, die sich noch nicht entzündet hat, die Verfettung gebremst und wieder rückgängig gemacht werden kann. "Dann können sie noch alles retten", sagt Adler. Dazu aber muss der Patient aktiv werden. Vor allem müssen Übergewichtige abspecken - allerdings sollte es nicht mehr als ein Kilogramm pro Monat sein. Nicht weniger wichtig ist zudem regelmäßige körperliche Bewegung. Zudem sollte man besonders auf die Blutfette achten, wobei zum Beispiel ein zu hoher Cholesteringehalt behandelt werden sollte. Weil Fettleberpatienten häufig zuckerkrank sind, muss auch der Diabetes sorgfältig kontrolliert werden. "Allerdings sollte man auch nicht zu früh mit Medikamenten einsteigen", meint Adler.
Bei Menschen, die an schwerem Übergewicht leiden, bleiben jedoch Diäten und Bewegungstherapien häufig ohne großen Erfolg. Hier bieten zunehmend Chirurgen ihre Dienste an, indem sie das überschüssige Fett operativ entfernen.
In den USA sei dies derzeit das chirurgische Gebiet, das sich am schnellsten entwickele, berichtet Markus Büchler, Ärztlicher Direktor an der Uniklinik Heidelberg und Tagungspräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Wenn sich aber bereits eine Leberzirrhose entwickelt habe, könnten auch die Chirurgen nicht mehr helfen.
Beim Kongress Viszeralmedizin 2010 gibt es am Samstag, 18. September, auch drei kostenlose Angebote für Patienten: den Reizdarm-Tag 2010 sowie je ein Arzt-Patienten-Seminar zu CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn) sowie zur ererbten Bauchspeicheldrüsenentzündung (hereditäre Pankreatitis). Infos: www.viszeralmedizin.com
